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Die Wege im Leben

Dieser Text liegt schon lange auf meinem Schreibtisch. Er wurde gedruckt im ARAL-Journal Herbst/Winter 1984 auf Seite 40. Die Quelle des Textes konnte dabei vom Redakteur des ARAL-Journals nicht zweifelsfrei ermittelt werden. Er erhielt ihn in einem Brief eines Freundes, Pfarrer in der DDR, mit dem er zusammen in Kriegsgefangenschaft war. Der Text hat hierzu eine innere Beziehung. Der Freund fand ihn in der Evangelischen Monatsschrift "Zeichen der Zeit"(Ost-Berlin), Heft 1/84. Die Redaktion erhielt ihn ihrerseits als Handschrift, aus dem Westen. Er soll auch in Liedform existieren. Ob das englische Orginal in Baltimore noch aufbewahrt wird, ob es ein solches gibt? Vielleicht weiß es ja ein Besucher dieser Seite oder kann es erkunden.

Du bist Kind Gottes

Gehe ruhig und gelassen durch Lärm und Hast und sei des Friedens eingedenk, den die Stille bergen kann. Stehe, soweit ohne Selbstaufgabe möglich, in freundlicher Beziehung zu allen Menschen. Äußere deine Wahrheit ruhig und klar und höre anderen ruhig zu, auch den Geistlosen und Unwissenden; auch sie haben ihre Geschichte.

Meide laute und aggressive Menschen, sie sind eine Qual für den Geist. Wenn Du Dich mit anderen vergleichst, könntest Du bitter werden und dir nichtig vorkommen; denn immer wird es jemanden geben, größer und geringer als du. Freue dich deiner eigenen Leistungen wie auch deiner Pläne.

Bleibe weiter an deinem eigenen Weg interessiert, wie bescheiden auch immer. Er ist ein echter Besitz im wechselnden Glück der Zeiten. In deinen geschäftlichen Angelegenheiten lasse Vorsicht walten, denn die Welt ist voller Betrug. Aber nichts soll dich blind machen gegen gleichermaßen vorhandene Rechtschaffenheit.

Viele Menschen ringen um hohe Ideale, und überall ist das Leben voll Heldentum. Sei du selbst, vor allen Dingen heuchele keine Zuneigung, noch sei zynisch, was die Liebe betrifft, denn auch im Augenblick aller Dürre und Enttäuschung ist sie doch immerwährend wie Grass.

Ertrage freundlich und gelassen den Ratschlag der Jahre, gib die Dinge der Jugend mit Grazie auf. Stärke die Kraft des Geistes, damit sie dich in plötzlich hereinbrechenden Unglück schütze. Aber erschöpfe dich nicht in Phantasien. Viele Ängste kommen aus Ermüdung und Einsamkeit. Neben einer heilsamen Selbstdisziplin sei freundlich mit dir selbst.

Du bist Kind Gottes genauso wie die Bäume und die Sterne; du hast ein Recht, hier zu sein. Und, ob es dir bewußt ist oder nicht, es besteht kein Zweifel, das Universum entfaltet sich wie vorgesehen. Darum lebe in Frieden mit Gott, was für eine Vorstellung du immer von ihm hast.

Was auch deine Arbeit und dein Sehnen ist, erhalte dir den Frieden mit deiner Seele in der lärmenden Wirrnis des Lebens. Mit all der Schande, der Plackerei und den zerbrochenen Träumen ist es dennoch eine schöne Welt. Strebe behutsam danach glücklich zu sein.


Desiderata (Wünsche) aus der alten St.-Paul's Cathederal in Baltimore, 1692.

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